Deutscher Gewerkschaftsbund

Gute Arbeit im Bezirk Hessen-Thüringen

21.08.2017

Sommertour 2017: Gute Arbeit 4.0

Am Thema der diesjährigen Sommertour im DGB Hessen-Thüringen scheiden sich zuweilen die Geister. Insbesondere dann, wenn es um Arbeitnehmerinteressen geht. Ist die Digitalisierung nun Fluch oder Segen? Nutzt oder schadet sie und vor allem wem?

Einigkeit besteht darüber, dass sich der Prozess nicht aufhalten lässt. Aus gewerkschaftlicher Sicht kommt es darauf an, Digitalisierung im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Wie das gehen kann, davon wollten sich die Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, Gabriele Kailing und der stellv. Vorsitzende, Sandro Witt, ein Bild machen. Dazu besuchten sie in erst in Thüringen, dann in Hessen Betriebe, Unternehmen und Verwaltung, um Betriebs- und Personalräten, Geschäftsführungen und Personalverantwortlichen zu sprechen.

Los ging es am Montagvormittag, den 14. August, in Waltershausen nahe Eisenach. Dort besuchten Kailing und Witt den Automobilzulieferer ContiTech. Neben einer Werksbesichtigung bei dem Gummi-und Kunststoff herstellenden und verarbeitenden Unternehmen sprachen die beiden auch mit dem Betriebsrat, der Standortleitung und der zuständigen Gewerkschaft IG BCE. Die Sozialpartner legen hier Wert auf gemeinsame Lösungen wie Weiterbildung und betriebliche und tarifvertragliche Regelungen etwa bei der Arbeitszeit, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern neue Möglichkeiten eröffnen sollen.

In dem Maße, wie sich Arbeitsprozesse verändern, verändern sich auch die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten und Fachkräftebedarfe in den Unternehmen. Den Themen Qualifizierung und Weiterbildung kommt dabei eine immer wichtigere Rolle zu. Der Ausbau und die qualitative Stärkung der betrieblichen Aus- und Weiterbildung sind dafür ebenso wichtig wie die Ausweitung der Mitbestimmungsmöglichkeiten von Betriebsräten und Gewerkschaften. Mit mitbestimmter und tariflich gestalteter Arbeit können Lösungen für funktionierende digitale Arbeit in Industrie und Dienstleistung gefunden werden.

Am Vormittag des 15. August besuchten sie das Werk „Life“ von B Braun in Melsungen. Die Digitalisierung spielt bei dem Pharmaunternehmen schon seit langem eine Rolle. Um den Veränderungen auch aus Sicht der Beschäftigten gerecht zu werden, haben Betriebsrat, die zuständige Gewerkschaft IG BCE und Personalleitung frühzeitig die Themenfelder Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Blick genommen.

Werk „Life“ von B Braun in Melsungen

Werk „Life“ von B Braun in Melsungen DGB Hessen-Thüringen

Die Digitalisierung bietet die Chance für mehr selbstbestimmtes und ergonomisches Arbeiten: räumliche und zeitliche Flexibilität, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder Entlastung von monotoner und physisch anstrengender Arbeit. Zugleich birgt sie neue Risiken: räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeit, permanenter Leistungsdruck und lückenlose Leistungskontrolle, psychischer Stress, Auflösung fester Beschäftigungsverhältnisse und Wegfall von Arbeitsplätzen. Um diese Risiken zu minimieren, brauche es Regeln.

Die nächste Station am zweiten Tag war die Poppe GmbH in Gießen. Neben einer Werksbesichtigung sprachen Kailing und Witt mit dem Betriebsrat und der Geschäftsführung des Gummi- und Kunststoff verarbeitenden Unternehmens über die Rolle von Aus- und Weiterbildung junger Menschen und der Beschäftigten im Unternehmen unter dem Vorzeichen der Digitalisierung.

Poppe GmbH in Gießen

Poppe GmbH in Gießen DGB Hessen-Thüringen

Bereits in der Ausbildung muss sichergestellt sein, dass junge Menschen auf die veränderten Bedingungen vorbereitet werden. Ausbildungsberufe sollten überprüft und modernisiert werden. Auch die beruflichen Schulausbildungspläne müssen unter Berücksichtigung der Digitalisierung überarbeitet und die Berufsschulen zum Erlernen und Beherrschen digitalisierter Arbeit ausgestattet werden.

Am letzten Tag der Sommertour waren Kailing und Witt zu Gast in der Frankfurter Stadtverwaltung. Dort sprachen sie mit dem zuständigen Dezernenten und Stadtrat Jan Schneider (CDU), dem Gesamtpersonalrat, der zuständigen Gewerkschaft ver.di, der Leitung des Amtes für Informations- und Kommunikationstechnik sowie der Stabsstelle E-Gouvernement darüber, wie sich die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung auswirkt.

Frankfurter Stadtverwaltung

Zu Gast in der Frankfurter Stadtverwaltung DGB Hessen-Thüringen

Die Digitalisierung verändert auch in der öffentlichen Verwaltung Tätigkeitsprofile und damit die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten, stellt neue Anforderungen an Arbeits- und Datenschutz sowie an die Personalentwicklungspläne des Arbeitsgebers. Der Fachkräftemangel ist jedoch längst im öffentlichen Dienst angekommen. Damit öffentliche Ämter und Organisationen mit gutem Beispiel voran gehen können, wenn es um eine humane Arbeitsgestaltung in veränderten digitalisierten Arbeitsprozessen geht, müssen sie finanziell und personell entsprechend ausgestattet sein, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden.

Die Prozesslernfabrik CIP-Lernfabrik (Center für industrielle Produktivität) des PTW (Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen) an der TU Darmstadt war die letzte Station der Sommertour des DGB Hessen-Thüringen 2017. Die Lernfabrik zeigt auf, wie Industrie 4.0 in der Produktion umgesetzt werden kann.

Schwerpunkte der Besichtigung waren Werkerassistenzsysteme und der Umgang mit sensiblen Mitarbeiterdaten. Darüber hinaus ging es an diesem Nachmittag um Auswirkungen der Digitalisierung auf die Ergonomie der Arbeitsplätze. Die Besichtigung wurde durchgeführt durch das Institut für Arbeitswissenschaft an der TU Darmstadt.

Prozesslernfabrik CIP-Lernfabrik

Bei der Prozesslernfabrik CIP-Lernfabrik an der TU Darmstadt DGB Hessen-Thüringen

Noch ist zu wenig über die Folgen der Digitalisierung für die Beschäftigten und deren Arbeitswelt bekannt. Klar ist aus gewerkschaftlicher Sicht aber, dass die neuen Technologien für eine human gestaltete Arbeitswelt genutzt werden sollen. Erkenntnisinteresse der Forschung sollte daher sein, wie die Belastungen für die Beschäftigten minimiert und die Potenziale für gute Arbeit erschlossen werden können. Mehr öffentliche Forschungsmittel sollten dauerhaft gezielt dafür eingesetzt werden. Die Arbeitswissenschaften müssen stärker unterstützt und eng mit der ingenieurwissenschaftlichen Forschung verzahnt werden. In praxisorientierten Forschungsprojekten sollten Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte zukunftsfähige und mitbestimmte Formen digitaler Arbeit für Betriebe und Verwaltungen entwickeln können.

 


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