650 Menschen in Herborn: „Das war nur der Auftakt!“
Beschäftigte und Gewerkschaften setzen ein starkes Zeichen für sichere Arbeitsplätze, einen verlässlichen Sozialstaat und Mitbestimmung – am 26. September geht der Protest in Frankfurt weiter
Trillerpfeifen, Trommeln, Gewerkschaftsfahnen und ein gut gefüllter Marktplatz: Herborn stand am Freitagmittag ganz im Zeichen des gewerkschaftlichen Protests. Über 650 Menschen beteiligten sich an der Kundgebung „Rote Karte gegen Arbeitsplatzabbau, Sozialkahlschlag und Angriffe auf Tarifverträge“. Viele Beschäftigte aus Betrieben der Region waren gekommen, darunter Kolleginnen und Kollegen von Safran Cabins, Cloos, Kyocera und Outokumpu.
Gemeinsam machten DGB Mittelhessen und IG Metall Herborn-Betzdorf deutlich: Die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen dürfen nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Nach Angaben des DGB Mittelhessen sind in der Region mehr als 3.500 Arbeitsplätze bedroht oder bereits verloren gegangen. Gleichzeitig stehen Verschlechterungen bei Arbeitszeit, Rente, Gesundheit, Pflege und sozialer Teilhabe zur Debatte.
„Die Beschäftigten sind nicht das Problem“
Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte, stellte die schwierige Lage der Industrie nicht infrage. Er wandte sich aber dagegen, auf wirtschaftliche Probleme vor allem mit schlechteren Arbeitsbedingungen, Stellenabbau und Standortschließungen zu reagieren. Die Beschäftigten seien nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Notwendig seien verlässliche Rahmenbedingungen, wettbewerbsfähige Energiepreise und Investitionen. Zugleich kündigte Köhlinger an, dass die Gewerkschaften an Errungenschaften wie der 35-Stunden-Woche, dem Acht-Stunden-Tag und der Altersteilzeit festhalten werden.
Saskia Teepe von ver.di Mittelhessen weitete den Blick über die Industrie hinaus. Sie warnte vor den Folgen geplanter Einsparungen für Krankenhäuser, Pflege, Kinder- und Jugendhilfe sowie die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Sozialabbau betreffe nicht nur einzelne Berufsgruppen oder Belegschaften, sondern reiche tief in den Alltag vieler Menschen hinein.
Oliver Scheld, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Herborn-Betzdorf, machte die Dimension der Auseinandersetzungen in den Betrieben deutlich. In mehr als 30 Unternehmen führen Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen derzeit Auseinandersetzungen um Beschäftigung und Zukunftsperspektiven. Rund 2.500 Arbeitsplätze seien allein im Zuständigkeitsbereich der IG Metall Herborn-Betzdorf von Insolvenzen oder unternehmerischen Fehlentscheidungen betroffen. Seine Botschaft: Zukunft müsse gemeinsam mit den Beschäftigten entwickelt werden – mit ihren Ideen und ihrer Erfahrung.
Betriebsräte kämpfen um jeden Arbeitsplatz
Auch DGB-Regionsgeschäftsführer Robin Mastronardi stellte den täglichen Einsatz der Betriebsräte in den Mittelpunkt. Gerade in einer Zeit, in der in zahlreichen Betrieben um Standorte und Arbeitsplätze gerungen werde, seien Forderungen nach einer Schwächung der betrieblichen Mitbestimmung der falsche Weg. Betriebsräte verhandeln Zukunftstarifverträge zur Beschäftigungssicherung, suchen bei drohendem Stellenabbau nach Alternativen und kämpfen – wenn Arbeitsplätze tatsächlich verloren gehen – um Interessenausgleiche, Sozialpläne und Perspektiven für die Betroffenen.
„Wer in dieser Situation Mitbestimmung abbaut, baut auch den Schutz der Beschäftigten ab“, so Mastronardi.
Zugleich wandte er sich gegen eine Reformdebatte, in der längere Arbeitszeiten und Einschnitte bei der sozialen Sicherung als Antworten auf strukturelle wirtschaftliche Probleme präsentiert würden: „Eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag macht keinen Betrieb produktiver. Ein längerer Arbeitstag saniert keine marode Brücke. Und eine schlechtere Rente schafft keine neue Fabrik.“
Die wirtschaftlichen Herausforderungen seien real. Unternehmen trügen Verantwortung für Investitionen, Standorte und Beschäftigung, die Politik für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wie der Wandel gestaltet werde und wer seine Kosten trage, sei deshalb keine Naturgewalt, sondern eine politische und wirtschaftliche Entscheidung.
„Warum muss es eigentlich so sein?“
Die Kundgebung sollte jedoch nicht bei Kritik stehen bleiben. Immer wieder ging es auch um die Frage, wie eine andere Entwicklung aussehen kann: sichere Arbeitsplätze, gute Löhne, mehr Mitbestimmung und eine Modernisierung der Wirtschaft, die Fortschritt auch für die Beschäftigten bedeutet.
Ein Beispiel dafür liege direkt in Mittelhessen: bei Stanley Feinwerktechnik in Lahnau. Dort haben sich Beschäftigte organisiert, einen Betriebsrat gegründet und für einen Tarifvertrag gekämpft. Nach acht Streiktagen erreichten sie den Einstieg in die Tarifbindung und schrittweise die 35-Stunden-Woche. „Nicht alle Probleme sind damit verschwunden“, betonte Mastronardi. Aber das Beispiel zeige: „Verhältnisse sind nicht einfach gegeben. Wenn Beschäftigte sich organisieren und gemeinsam handeln, können sie Kräfteverhältnisse verändern. Genau das ist Gewerkschaft.“
Damit war zugleich eine der zentralen Botschaften der gesamten Kundgebung formuliert: Sorgen um Arbeitsplatz, Einkommen und soziale Sicherheit dürfen nicht in Resignation münden. Im Gegenteil – gemeinsame Organisierung und Mitbestimmung schaffen die Möglichkeit, Veränderungen selbst mitzugestalten.
Herborn war erst der Anfang!
Das zeigte sich auch auf dem Marktplatz. Menschen aus unterschiedlichen Betrieben und Lebensbereichen standen gemeinsam zusammen. Das Herborner Tageblatt beschreibt die Atmosphäre als geprägt von gemeinsamer Energie und Widerstand; durch die Redebeiträge zog sich der Aufruf, zusammenzuhalten und sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Für den DGB Mittelhessen ist deshalb klar: Mit Herborn ist die Auseinandersetzung nicht beendet.
„Die Schnauze voll zu haben, reicht nicht“, sagte Mastronardi zum Abschluss. „Aus unserer Wut muss organisierte, gewerkschaftliche Stärke werden.“
Der nächste gemeinsame Schritt folgt am 26. September in Frankfurt beim bundesweiten DGB-Aktionstag „Hart verdient: Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“
Aus Mittelhessen fahren Busse nach Frankfurt. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften rufen Beschäftigte, Familien, Freundinnen und Freunde dazu auf, sich anzuschließen.
Denn die Botschaft aus Herborn soll auch in Frankfurt zu hören sein: Die Beschäftigten haben die Krise nicht verursacht. Und sie dürfen nicht durch Arbeitsplatzverlust, tariflichen Verzicht und Einschnitte bei ihrer sozialen Sicherheit dreimal dafür bezahlen.
Herborn war der Auftakt. Am 26. September geht es weiter.
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Herborn war der Auftakt – am 26. September geht es weiter.
Fahrt mit uns aus Mittelhessen zum DGB-Aktionstag „Hart verdient: Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ nach Frankfurt.
Es kommt auf uns alle an. Je mehr wir sind, desto stärker unser gemeinsames Zeichen.