Mehr als 3.500 Industriearbeitsplätze unter Druck: Warum Mittelhessen jetzt gemeinsam auf die Straße geht
Industriearbeitsplätze, Tarifverträge und soziale Sicherheit geraten zunehmend unter Druck. Warum der DGB Mittelhessen gemeinsam mit der IG Metall Herborn-Betzdorf am 11. September zur Demonstration in Herborn aufruft.
Mittelhessen erlebt derzeit einen tiefgreifenden industriellen und sozialen Umbruch.
Betroffen sind ausgerechnet jene Schlüsselindustrien, die die Region seit Jahrzehnten wirtschaftlich prägen: die Stahl- und Gießereiindustrie, die Pharmaindustrie sowie die Automobil- und Zulieferindustrie. Damit geraten nicht nur einzelne Standorte, sondern ganze regionale Wertschöpfungsketten unter Druck.
Die Entwicklung zeigt sich an zahlreichen Betrieben: bei BioNTech und CSL in Marburg, bei Fritz Winter in Stadtallendorf, bei Buderus Edelstahl und Continental in Wetzlar, bei RHI Magnesita in Mainzlar, breyden in Lollar, Safran in Herborn und vielen weiteren.
Beschäftigte erleben Standortschließungen, Stellenabbau, Insolvenzen, Verlagerungen und immer neue Verzichtsforderungen. Tarifverträge werden infrage gestellt, längere Arbeitszeiten ohne Entgeltausgleich gefordert und notwendige Zukunftsinvestitionen bleiben aus.
Was lange wie eine Aneinanderreihung einzelner Unternehmensentscheidungen wirkte, entwickelt sich zunehmend zu einer strukturellen Herausforderung für die gesamte Region.
Wenn Schlüsselindustrien verschwinden, trifft es die ganze Region
Der Verlust industrieller Arbeitsplätze betrifft nicht nur die unmittelbar Beschäftigten.
Industrie sichert Wertschöpfung, Ausbildung, Fachkräfte und Kaufkraft. Sie schafft Aufträge für Handwerk, Dienstleistungen und Zulieferer und trägt wesentlich zur Finanzierung der kommunalen Infrastruktur bei.
Wenn Standorte geschlossen oder Produktionen verlagert werden, verliert die Region nicht nur Arbeitsplätze. Es gehen auch industrielle Kompetenz, Ausbildungsmöglichkeiten und langfristige Zukunftsperspektiven verloren.
Aus Sicht des DGB Mittelhessen ist die industrielle Krise deshalb längst mehr als eine wirtschaftliche Frage. Sie betrifft ebenso soziale Sicherheit, regionale Stabilität und das Vertrauen in die demokratische Gestaltungsfähigkeit.
Wo Menschen erleben, dass Arbeitsplätze verschwinden, Unternehmen Verantwortung abgeben und politische Antworten ausbleiben, wächst das Gefühl, die eigene Zukunft nicht mehr beeinflussen zu können.
Zusätzlicher Druck durch politische Reformen
Die Sorgen vieler Beschäftigter enden nicht am Werkstor.
Gerade weil viele Beschäftigte bereits um ihre Arbeitsplätze bangen, treffen die aktuellen Reformdebatten auf große Verunsicherung.
Während Arbeitsplätze und Tarifverträge in den Betrieben unter Druck stehen, werden zugleich politische Reformen diskutiert und vorbereitet, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zusätzlich belasten können.
Sachgrundlose Befristungen sollen ausgeweitet, Beschäftigte bei Krankheit stärker unter Generalverdacht gestellt und bewährte Arbeitszeitregelungen aufgeweicht werden. Gleichzeitig stehen Rente, Gesundheit, Pflege und weitere soziale Sicherungssysteme unter Kürzungs- und Kostendruck.
Gerade in einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit brauchen Beschäftigte mehr Sicherheit – nicht weniger.
Wer Arbeitsplätze abbaut und gleichzeitig Arbeitsrechte und Sozialstaat schwächt, löst keine Krise. Er verschärft sie.
Gute Arbeit und ein starker Sozialstaat gehören zusammen
Der DGB Mittelhessen weist die Vorstellung entschieden zurück, soziale Sicherheit, Tarifverträge und Mitbestimmung seien Hindernisse für wirtschaftlichen Erfolg oder gar ein Standortnachteil.
Das Gegenteil ist richtig: Gute Arbeit, verlässliche Tarifverträge, starke Mitbestimmung und ein leistungsfähiger Sozialstaat schaffen Stabilität. Sie sichern Fachkräfte, stärken Kaufkraft und ermöglichen es Menschen, Veränderungen mitzutragen.
Die wirtschaftlichen Herausforderungen entstehen nicht, weil Beschäftigte zu wenig arbeiten, krank werden oder Schutzrechte besitzen. Sie entstehen durch fehlende Investitionen, kurzfristige Renditeentscheidungen, falsche Managementstrategien und eine unzureichende Industriepolitik.
Der DGB Mittelhessen fordert deshalb eine aktive Industrie- und Strukturpolitik, die Zukunftsinvestitionen ermöglicht, regionale Wertschöpfung sichert und industrielle Perspektiven schafft.
Öffentliche Fördergelder müssen künftig an klare Bedingungen geknüpft werden: Beschäftigungssicherung, Tarifbindung, Mitbestimmung, Ausbildung und langfristige Standortperspektiven.
Gemeinsam Haltung zeigen
Vor diesem Hintergrund ruft der DGB Mittelhessen gemeinsam mit der IG Metall Herborn-Betzdorf zur Demonstration und Kundgebung in Herborn auf.
Die Demonstration richtet sich gegen Arbeitsplatzabbau, Sozialkahlschlag und Angriffe auf Tarifverträge. Gleichzeitig setzt sie ein Zeichen für sichere Beschäftigung, Investitionen, starke Mitbestimmung und einen handlungsfähigen Sozialstaat.
Demonstration und Kundgebung:
Freitag, 11. September 2026
11:55 Uhr
Marktplatz Herborn
Aufgerufen sind Beschäftigte aller Branchen, Auszubildende, Rentnerinnen und Rentner, Erwerbslose, Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie alle Bürgerinnen und Bürger der Region.
Kommt nach Herborn und zeigt gemeinsam mit uns die Rote Karte gegen Arbeitsplatzabbau, Sozialkahlschlag und Angriffe auf Tarifverträge – für gute Arbeit, starke Tarifverträge und einen starken Sozialstaat.
Herborn ist erst der Anfang
Die Demonstration am 11. September ist Teil einer größeren Mobilisierung gegen Sozialabbau und Angriffe auf Arbeitsrechte.
Am Samstag, 26. September 2026, ruft der DGB bundesweit zu einem Aktionstag gegen Sozialabbau auf. In Hessen findet an diesem Tag die zentrale Demonstration in Frankfurt am Main statt.
Die regionalen Aktionen in Mittelhessen bilden den Auftakt für diese gemeinsame Mobilisierung.
Merkt euch den 26. September bereits jetzt vor!
Weitere Informationen zur Demonstration sowie zur geplanten Busanreise aus Mittelhessen veröffentlichen wir in Kürze auf unserer Homepage und unseren Social-Media-Kanälen.
Zusammenhalt ist unsere Stärke. Jetzt erst recht.