Erstmals weibliche Doppelspitze beim DGB Lahn-Dill

Konferenz erklärt Solidarität mit den Beschäftigten bei Buderus!

Weibliche Doppelspitze führen fortan den DGB Lahn-Dill. Von links nach rechts: Angela Banfield-Fox, stv. Vorsitzende und Andrea Theiß, Vorsitzende des DGB-Kreisverbands Lahn-Dill

Datum

Dachzeile DGB-Kreisdelegiertenkonferenz in Wetzlar

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im Lahn-Dill-Kreis blickt auf einen ereignisreichen Sommer zurück. Bereits im Juli haben die Delegierten auf der DGB-Kreisdelegiertenkonferenz in Wetzlar erstmals eine weibliche Doppelspitze gewählt: Andrea Theiß und Angela Banfield-Fox (beide IG Metall) führen seither gemeinsam den Kreisverband. Damit wurde ein starkes Zeichen für Aufbruch, Erneuerung und eine feministische Gewerkschaftspolitik gesetzt.

Gleichzeitig wurde der langjährige Vorsitzende und geschätzte Kollege Arne Beppler nach 12 Jahren an der Spitze des DGB verabschiedet. „Wir wünschen dir, lieber Arne, alles Gute und bedanken uns von ganzem Herzen für deinen engagierten Einsatz für die Gewerkschaftsbewegung und die Anliegen unserer Kolleginnen und Kollegen an Lahn und Dill.“ Mit diesen emotionalen Worten bedankte sich Andrea Theiß bei ihrem Vorgänger.

Ergebnisse der DGB-Konferenz – »Stärker mit uns«

Neben der Wahl des neuen Vorstands verabschiedeten die Delegierten wichtige Anträge: So wurde die Fortführung des Projekts »Frauen sichtbar(er) machen« beschlossen, das beabsichtigt, Frauen stärker in den Fokus der Wahrnehmung im öffentlichen Raum zu bringen – u.a. mit der Benennung von Straßen nach Frauen. Ebenso bekräftigte die Konferenz die Verteidigung des 8-Stunden-Tages, der zunehmend durch politische und wirtschaftliche Interessen in Frage gestellt wird. Ein weiterer Schwerpunkt war die Solidarisierung mit aktuellen und künftigen Arbeitskämpfen in der Region. Schon nach der Übernahme durch die Münchner Beteiligungsgesellschaft Mutares Anfang 2025 hatte es bereits düstere Vorzeichen gegeben: Eine Sorge, die sich dramatisch bestätigt hat.

Begleitet wurde die Konferenz von einem gut besuchten »Sozialmarktplatz«, auf dem zahlreiche Organisationen der sozialen Daseinsfürsorge aus dem Lahn-Dill-Kreis ihre Arbeit präsentierten und für Gespräche zur Verfügung standen. Ein kulturelles Highlight bildete die Lesung von Dr. Patrick Schreiner aus seinem Buch »Nichts für alle – Wie Politik und Wirtschaft uns den Sozialstaat kündigen«, die eine intensive Diskussion mit den Teilnehmenden eröffnete.

Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen bei Buderus Edelstahl

Die Ankündigung von Mutares, das einzige Stahlwerk in Hessen sowie weitere Teile von Buderus Edelstahl Ende Oktober 2025 zu schließen und Betriebseinheiten zu verkaufen, hat in Wetzlar, aber auch über die Grenzen hinweg, tiefe Bestürzung und Wut ausgelöst. Bis zu 450 Beschäftigte verlieren ihre berufliche Perspektive. Zwar konnten durch Teilverkäufe an die GMH-Gruppe und FerrAl United rund 670 Stellen gesichert werden – für hunderte Menschen und ihre Familien bleibt dennoch die existentielle Unsicherheit.

„Die Kolleginnen und Kollegen haben über Jahrzehnte ihr Herzblut in dieses Werk gesteckt. Sie dürfen nicht die Leidtragenden einer rein renditeorientierten Konzernpolitik sein“, betont Robin Mastronardi, Geschäftsführer des DGB Mittelhessen. „Das geplante Aus bedeutet für viele nicht nur Arbeitsplatzverlust, sondern auch den Verlust von Sicherheit in ohnehin unsicheren Zeiten.“ Theiß ergänzt: „Es geht hier nicht um Zahlen auf einer Bilanz. Es geht um Existenzen, um Familien und um das industrielle Rückgrat Mittelhessens. Wir stehen fest an der Seite der Kolleginnen und Kollegen.“

Kritik an Konzernpolitik

Besondere Empörung ruft die Haltung von Mutares hervor. Mutares-CEO Robin Laik bezeichnete die Zerschlagung von Buderus als „Portfoliopflege“ und Teil der „DNA der aktiven Wertsteigerung“. „Das ist nichts anderes als kurzfristige Profitsicherung auf dem Rücken von Menschen“, kritisiert die Gewerkschafterin. Der DGB verweist zugleich auf die Mitverantwortung des früheren Eigentümers voestalpine. Zwei Jahrzehnte lang sei es versäumt worden, das Werk zukunftsfest aufzustellen. Damit sei der Weg für die aktuelle Krise geebnet worden.

Auch politische Versäumnisse hätten die Situation verschärft: Hohe Energiekosten, fehlende Absicherungen für energieintensive Betriebe und der zunehmende internationale Konkurrenzdruck – etwa durch Billigstahl aus China oder die Zollpolitik der USA – hätten das Werk zusätzlich belastet. Trotz moderner Anlagen wie der Elektrolichtbogenofen, der eine CO2-Neutrale Stahlproduktion ermöglicht, sei Buderus in eine Schieflage geraten.

Forderungen des DGB

Der DGB fordert nun umfassende Sozialpläne, Qualifizierungsangebote, öffentliche Unterstützung und eine aktive Industriepolitik, um Perspektiven für die Region zu sichern. Gleichzeitig sieht er die Politik in der Pflicht, endlich eine sich den geänderten Wettbewerbsbedingungen angepasste Struktur-, Industrie- und Energiepolitik aktiv umzusetzen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schützt und Zukunftsarbeitsplätze schafft.

Die Zerschlagung und Teilschließung von Buderus Edelstahl ist kein Einzelfall: Auch Continental in Wetzlar wird Ende 2025 seine Tore schließen, 380 Beschäftigte sind betroffen. Weitere 287 Entlassungen wurden bis September 2025 bereits im Lahn-Dill-Kreis angezeigt. Auch anderswo in Mittelhessen, u. a. am Pharmastandort Behringwerke in Marburg sollen 1.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Der DGB warnt eindringlich vor einer Welle der Deindustrialisierung in Mittelhessen sowie dem Verlust von Kaufkraft und letztlich Wohlstand.

Gemeinsam für eine starke Region

Mit der neuen weiblichen Doppelspitze, einer klaren Haltung gegenüber Politik und Unternehmen sowie den solidarischen Beschlüssen der Konferenz stellt sich der DGB Lahn-Dill den aktuellen Herausforderungen. „Wir werden alles    dafür tun, dass die Menschen in unserer Region nicht ins Bodenlose fallen – besonders nicht jene, die seit Jahrzehnten mit ihrer Arbeit unsere Region gestärkt und zum gesellschaftlichen Wohlstand beigetragen haben“, so Theiß und  Mastronardi abschließend.

zurück