»Sozialabbau schafft kein Wachstum!«

Eine Einordnung der aktuellen »Reformdebatte« und die massiven Angriffe auf Arbeitnehmerrechte

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Abschaffung des 8-Stunden-Tages, Einschränkungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Kassenleistungen oder Angriffe auf Teilzeitrechte: In der aktuellen "Reformdebatte" stehen zunehmend Arbeitnehmerrechte unter massiven Beschuss. Der Geschäftsführer des DGB Mittelhessen, Robin Mastronardi, ordnet diese Entwicklung ein und erklärt, warum Sozialabbau weder Wachstum noch wirtschaftliche Stabilität schafft.

Gastkommentar von Robin Mastronardi, Geschäftsführer des DGB Mittelhessen, erschienen am 06. März 2026 im Gießener Anzeiger

Der Stand der Debatte

Der Stand der öffentlichen Debatte ist absurd: Abschaffung des 8-Stunden-Tages. Einschränkung oder faktisches Ende des Rechts auf Teilzeit. Streichung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Kürzungen bei Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung – bis hin zur Infragestellung der Übernahme von Zahnarztkosten. Was als „mutige Reformagenda“ diskutiert wird, ist in Wahrheit nichts anderes als ein Angriff auf die arbeitende Mehrheit dieses Landes.

Diese Vorschläge fallen nicht vom Himmel. Sie kommen in einer Zeit, in der viele Betriebe unter Druck stehen, Standorte geschlossen, Investitionen verschoben und Arbeitsplätze abgebaut werden. Lieferketten geraten ins Wanken, Absatzmärkte brechen weg. Beschäftigte sorgen sich um ihre Zukunft – während Teile der Politik aktuell immer häufiger und immer aggressiver versuchen, die Schutzrechte der Arbeitnehmer zu entsorgen.

Beschäftigte sind Teil der Lösung

Arbeitnehmerrechte sind keine lästigen, bürokratischen Vorschriften, sondern eine zentrale Grundbedingung für ein Leben in Freiheit und Würde. Beschäftigte sind nicht das Problem, sie sind die Lösung. Sie haben dieses Land aufgebaut und den Erfolg der deutschen Industrie ermöglicht. Sie erhalten von der Produktion über die Versorgung bis hin zur Logistik dieses Land buchstäblich am Leben. Wer in einer Phase schwacher Konjunktur Schutzrechte schleift, schafft kein Wachstum. Kein zusätzlicher Auftrag entsteht dadurch. Keine Innovation wird dadurch befördert. Das Einzige, was entsteht, ist Unsicherheit – und Unsicherheit ist Gift für Wirtschaft und Demokratie.

Wirtschaftspolitisch widersprüchliche Vorschläge

Besonders widersprüchlich ist die Debatte um längere Arbeitszeiten. Während in vielen Branchen Kurzarbeit Realität ist, soll plötzlich „mehr Arbeit“ die Antwort sein. Produktivität entsteht durch Innovation, Qualifikation und Investitionen – nicht durch das Ausdehnen des Arbeitstags. Der 8-Stunden-Tag ist kein bürokratisches Detail. Arbeitszeitbegrenzung bedeutet Gesundheitsschutz, Würde und soziale Balance.

Im Kontext dieser irrationalen Debatte um die Ausdehnung der Arbeitszeit gehört zur ganzen Wahrheit aber auch dazu: Hunderttausende Beschäftigte stecken in unfreiwilliger Teilzeit. Wer mehr Stunden leisten will, bekommt sie oft nicht. Wenn also tatsächlich „mehr Arbeit“ gewollt ist, dann braucht es eine Vollzeitoption – ein verbindliches Recht auf Aufstockung der Arbeitszeit für diejenigen Arbeitnehmer, die mehr arbeiten wollen bzw. können. Wer mehr leisten will, muss es auch dürfen. Das aktuelle Diskursfenster scheint jedoch so weit verschoben, dass es aktuell kaum möglich ist, über arbeitnehmerfreundliche Reformvorschläge zu debattieren.

Auch unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet ist diese „Reformrhetorik“ riskant. Nach den Inflationsjahren hat sich die Kaufkraft durch Tarifabschlüsse mühsam erholt – doch wer ständig hört, dass Sicherheiten gekürzt werden sollen, hält sein Geld zusammen. Konsum wird verschoben, Investitionen vertagt. So schwächt man die Binnenkonjunktur.

Reformen sind nicht dann gut, wenn sie besonders viele besonders hart treffen. Gute Reformen schaffen Perspektiven, stärken den Zusammenhalt und fördern Investitionen. Wer dieses Land wirklich voranbringen will, setzt auf starke Beschäftigte, sichere Einkommen und Zukunftsinvestitionen – nicht auf die Demontage historisch erkämpfter Rechte.

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