DGB und Jusos: Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren muss bleiben!
Nach einem Meinungsaustausch in dieser Woche sind sich die Jungsozialisten Marburg-Biedenkopf (Jusos) und der heimische DGB einig: Die abschlagsfreie Rente für langjährig Versicherte muss beibehalten werden. Hintergrund des Treffens war die jüngst wieder aufgeflammte Debatte zu den Ende Juni vorgestellten Vorschlägen der Rentenkommission zur Reform der Alterssicherung. Diese sehen unter anderem vor, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren zu streichen und stattdessen das Renteneintrittsalter schrittweise bis auf 70 Jahre anzuheben.
„Wer diese Vorschläge der Rentenkommission tatsächlich umsetzt, spielt mit der Gesundheit und letztlich mit dem Leben der Beschäftigten“ kritisiert Ulf Immelt, Gewerkschaftssekretär der DGB Region Mittelhessen und verweist auf eine aktuelle Studie des EPoS Research Centers an der Universität Mannheim und der Universität Barcelona. Demnach erhöht bereits ein um ein Jahr verschobener Renteneintritt das Sterberisiko im Alter zwischen 60 und 69 Jahren um 4,2 Prozentpunkte.
Die heimischen Jungsozialisten und Gewerkschaftsvertreter verweisen darüber hinaus auf eine neu erschienene Beschäftigtenbefragung - den „DGB Index Gute Arbeit“. Demnach glauben schon jetzt vier von zehn Arbeitnehmern in Deutschland nicht, dass sie ihren Job bis zum Erreichen des aktuellen Renteneintrittsalters ausüben können. Besonders groß sind die Zweifel in körperlich und psychisch belastenden Berufen. So erwarten 72 Prozent der Beschäftigten im Bereich Sanitär, Heizung und Klempnerei, ihren Beruf nicht bis zur Rente ausüben zu können. In der Krankenpflege sind es 71 Prozent, in der Altenpflege 67 Prozent, in Hochbauberufen 66 Prozent und bei Erzieherinnen und Erziehern 57 Prozent. „Das zeigt, die Berliner Pläne zur Rente sind ein verdecktes Rentenkürzungsprogramm“, kommentiert Pit Metz, DGB-Kreisvorsitzender in Marburg-Biedenkopf die Ergebnisse der Studie.
„Daher hat SPD-Generalsekretär Klüssendorf Recht, wenn er an der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren festhalten will, erklärte David Ritz. „Menschen, die sehr lange gearbeitet und ihre Beiträge gezahlt haben, sollten die Möglichkeit haben, früher abschlagsfrei in Rente zu gehen. Betroffene hätten sich das verdient. Als Jusos sind wir zudem gegen eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die durchschnittliche Lebenserwartung. Wenn dann sollte man dies an die „Lebensarbeitszeit“ koppeln. So könnte, wer z.B. mit 16 Jahren anfängt in einem anstrengenden und wichtigen Beruf zu arbeiten bereits nach 45 Arbeitsjahren in Rente gehen“, so der heimische Juso Vorsitzende. Weiter fordern die Jusos eine „Radikale Reform“ des Rentensystems, zu einer „Rente für Alle“, in der auch Beamt*innen, Bundestagsabgeordnete und Unternehmer*innen in die Kassen einzahlen müssen. So könne man das Rentensystem besser stabilisieren und solidarischer gestalten.
Mit Blick auf den Stellenabbau in der heimischen Industrie, ob am Pharmastandort in Marburg oder bei Fritz Winter in Stadtallendorf äußerten Jusos und DGB auch scharfe Kritik an den jüngsten Äußerungen der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dass die Bundesregierung an den Plänen zur Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährige Versicherte festhalten soll. „BDA und Co. Wissen ganz genau, dass ihre eigenen Unternehmen im Strukturwandel die Rente nutzen, um jüngere Beschäftigte zu halten und rentennahen Jahrgängen einen abgesicherten Übergang in die Rente zu ermöglichen, so die heimischen Vertreter des DGB und des sozialdemokratischem Jugendverbands. „Ohne diese Brücke müssten reihenweise Sozialpläne verhandelt werden, bei denen immer die Jüngeren den Kürzeren ziehen.
Zu den Rentenkürzungsplänen gibt es Alternativen. Darin sind sich Ritz, Metz und Immelt einig. Hierzu genügt ein Blick nach Österreich. Hier zahlen alle ab einem bestimmten Stichtag – auch Selbstständige, Politiker und Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung ein.