Erfahrungsbericht zur Spargelsaison 2025 – Bilanz und Ausblick Montag | 25. August | 10:30 Uhr | hybride Pressekonferenz

Frankfurt, 25. August 2025

Datum

Ordnungsnummer PM 051

„Der Bericht zeigt großen Handlungsbedarf: Wer in Deutschland hart arbeitet, darf nicht in unwürdigen Verhältnissen leben oder um seinen Lohn gebracht werden. Politik und Behörden müssen diese Zustände endlich systematisch bekämpfen“, sagt Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen.  „Schwarze Schafe unter den Spargelbauern zocken Erntehelfer mit horrenden Mieten für zweifelhafte Unterkünfte; mit überhöhten Verpflegungskosten oder willkürlichen Lohnabzügen ab. Gleichzeitig jammern sie über zu hohe Mindestlöhne. Das ist unmoralisch und zynisch“, sagt Hans-Joachim Rosenbaum, Regionalleiter der IG BAU in Hessen.

„Gerade deshalb darf es keine Ausnahmen vom gesetzlichen Mindestlohn geben“, fordert Michael Rudolph. „Wer heute den Einstieg in den Ausstieg vom Mindestlohn zulässt, setzt die Tür für Lohndumping in der ganzen Branche weit auf. Vielmehr brauchen die Beschäftigten in der Landwirtschaft manipulationssichere, digitale Arbeitszeiterfassungssysteme. Diese müssen die Arbeitgeber in ihren Betrieben einführen und für die Beschäftigten und die Kontrollbehörden überprüfbar sein”.

Arbeitgeberverbände fordern eine Sonderregelung, die eine Absenkung auf 80 Prozent des Mindestlohns vorsehen würde. Aus Sicht des DGB wäre dies ein klarer Rückschritt mit gravierenden Folgen für tausende Beschäftigte, die ohnehin unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Eine solche Absenkung würde nicht nur Saisonkräfte massiv schlechterstellen, sondern auch zu Lohndruck bei festangestellten Fachkräften führen, die bereits heute in vielen Betrieben unter dem Lohnniveau vergleichbarer Tätigkeiten in anderen Branchen liegen. Sie würde zudem die ohnehin geringe Attraktivität der Arbeit in der Landwirtschaft weiter verringern und damit den Fachkräftemangel verschärfen.

“Die Saisonbeschäftigten müssen in vielen Fällen unangemessen hohe Miete an die Arbeitgeber zahlen. Das muss sich dringend ändern”, fordert der DGB-Bezirksvorsitzende. “Die Arbeitgeber profitieren von betriebsnahen Unterbringung der Saisonbeschäftigten – und sollten dafür auch die Kosten tragen. Ein erster Schritt zur Beseitigung der verbreiteten Missstände wäre eine gesetzliche Deckelung der Mieten für Arbeitsunterkünfte. Mindeststandards für Unterkünfte müssen ebenfalls eingehalten und kontrolliert warden”.

Die von schwarz-rot geplante Ausweitung der sozialversicherungsfreien kurzfristigen Beschäftigung von Saisonarbeitskräften von 70 auf 90 Arbeitstage lehnen der Gewerkschaftsbund und die IG BAU ebenfalls ab.  Für die Betroffenen bedeute dies eine Verlängerung von Zeiträumen ohne Zugang zu Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung – mit allen damit verbundenen sozialen Risiken. Der DGB fordert stattdessen eine Regelung, die Saisonarbeitskräfte vollumfänglich in das Sozialversicherungssystem einbezieht und ihren Anspruch auf tarifgerechte Entlohnung, faire Arbeitsbedingungen und umfassenden Krankenversicherungsschutz sichert. Die derzeitige Praxis, dass Arbeitgeber für kurzfristig Beschäftigte eine private Gruppenkrankenversicherung abschließen, bietet keinen vollständigen Krankenversicherungsschutz.

Zitate aus den Erfahrungsberichten und der Pressekonferenz:

"Bei den gemeinsamen Aktionen zwischen der IG BAU und der Initiative Faire Landarbeit stellen wir immer wieder fest, dass Saisonbeschäftigte oft nicht für alle gearbeiteten Stunden bezahlt werden. Sie arbeiten 12 bis 13 Stunden, werden aber nur für 8 Stunden bezahlt. Es sind klare Fälle von Mindestlohnunterschreitung. Zudem bekommen wir immer wieder mit, dass die Fluktuation der Saisonbeschäftigten in den Betrieben von Jahr zu Jahr zunimmt. Die Menschen reisen teilweise nach ein paar Wochen Arbeit ab und gehen in einem anderen europäischen Land arbeiten. Die Gründe dafür sind schlechte Unterkünfte, ausgedehnte Arbeitszeiten und nicht erfasste Arbeitsstunden. An diesen Verhältnissen soll sich systematisch etwas ändern. Die Saisonbeschäftigten verdienen mehr für ihre wichtige Arbeit."

Bruno Walle, Vorsitzender des IG BAU Bezirksverbandes Frankfurt-Rhein-Main

 

„Auch bei den diesjährigen Informationsaktionen für Saisonbeschäftigte in Hessen konnten wir feststellen, dass die Arbeitsbedingungen vielerorts seit Jahren sehr schwierig sind und sich nicht verbessern. Etliche Beschäftigte berichteten uns von immer höheren Akkordvorgaben und langen Arbeitstagen sowie von einer betrugsanfälligen Arbeitszeiterfassung.

Ein weiteres großes Problem waren die horrenden Lohnabzüge für die Unterbringung, teilweise von bis zu 550 Euro im Monat für einen Schlafplatz in einem Container für bis zu 4 Personen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Arbeitgeber, die solche Arbeitsbedingungen anbieten, alle Spielräume ausnutzen, um den Mindestlohn zu umgehen und die Personalkosten auf das Minimum zu drücken. Die Verlierer sind die hart arbeitenden Menschen, die sich nicht zu Wehr setzen können. Ganz zu schweigen von dem ungerechten Wettbewerbsvorteil zulasten der fairen Arbeitgeber, die dadurch kaum noch eine Chance haben, am Markt zu bestehen“.

Letitia Matarea-Tuerk, Faire Mobilität

Hintergrund

In der Landwirtschaft arbeiten bundesweit rund 235.000 ständige Beschäftigte sowie 243.000 Saisonkräfte (Agrarstrukturerhebung 2024, Statistisches Bundesamt). Saisonarbeiterinnen und Saisonarbeiter kommen überwiegend aus Mittel- und Osteuropa. Trotz bestehender arbeitsrechtlicher Vorgaben führen mangelnde Kontrollen und bestehende Ausnahmeregelungen dazu, dass Verstöße gegen Mindestlohn- und Arbeitsschutzvorschriften oft folgenlos bleiben. Organisationen und Beratungsstellen der Initiative Faire Landarbeit führen jedes Jahr Aktionen auf Feldern in ganz Deutschland durch, bei denen sie die Saisonarbeitskräfte zu deren Rechten informieren und dabei einen tiefen Einblick in deren Arbeitsalltag und die vorherrschenden Arbeitsbedingungen erhalten.

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