Deutscher Gewerkschaftsbund

06.07.2020

Die Krise wird auch auf dem Rücken von Studierenden ausgetragen

Umfrage der DGB Jugend Hochschulgruppe Frankfurt

k.A.

k.A.

Die Corona-Krise bedroht die Existenz vieler Studierender in Frankfurt. Dies geht aus einer Befragung der DGB Hochschulgruppe Frankfurt hervor, die bei Studierenden an der Goethe-Universität und der Frankfurt University of Applied Sciences durchgeführt wurde. Studierende fordern nun eine bedarfs-deckende Sozialleistung und bessere Studien- wie Arbeitsbedingungen an den Frankfurter Hochschulen.


Daniel Shuminov, aktiv in der DGB-Hochschulgruppe und Studierender der Soziologie ist aufge-bracht: „Die Ergebnisse unserer Befragung sind frappierend. Fast 70 % der Teilnehmenden arbeiten, um sich ihr Studium finanzieren zu können. Durch die Corona-Situation haben etliche Studierende, nicht selten auch deren Eltern, ihre Arbeit verloren. Auf ein soziales Sicherungsnetz können sie sich nicht verlassen, da nur ein Drittel der Studierenden BAföG erhält.“


Katharina Köhler, Studierende der Umweltwissenschaften, ergänzt ihren Kommilitonen: „Wer doch BAföG erhält, bekommt häufig nicht den Höchstzuschuss. Und nicht einmal dieser reicht zum Leben: Für 325 € Wohnpauschale ist es schwer, auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt überhaupt ein WG-Zimmer zu finden. Wir brauchen dringend eine Erhöhung des BAföG-Satzes sowie der Einkommens-freibeträge.“


Nathalie Schäfer, studiert Ästhetik im Master und sieht die Situation in der Lehre ähnlich prekär: „Aufgrund der erschwerten Studienbedingungen darf das Semester nicht als normales Semester ge-zählt werden. Schon im Vorfeld verzeichnete die Universität Unterfinanzierung und daraus resultie-rende schlechte Arbeits- und Lernbedingungen. Diese werden nun weiter verschärft: Lehrende sollen möglichst schnell auf digitale Lehre umstellen und werden vor große Herausforderungen gestellt. Unterbezahlte wissenschaftliche Hilfskräfte sollen sich jetzt um diese komplizierte Aufgabe kümmern.“
„Auch die Soforthilfe des Landes Hessen war mit einmalig 200 Euro nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Die Gesamtsumme von 250.000 Euro für Soforthilfe war schon innerhalb von zwei Ta-gen weg. In Hessen gibt es 265.000 Studierende. Nicht einmal einen Euro hatte die Landesregierung damit für jeden Studierenden übrig. Wir fordern dagegen die Erweiterung der Bezugsberechtigten zum Arbeitslosengeld II in Krisenzeiten auf Studierende und damit auch die Übernahme der Wohnkosten für Studierende, um Studienabbrüche zu verhindern." so Stefan Claus Jugendbildungsreferent der DGB Jugend in Frankfurt weiter.


Die „Forderungen der Studierenden in Hessen zur Durchführung des digitalen Semesters“, formuliert von der Landes-Asten-Konferenz, der Gewerkschaft ver.di, der DGB Jugend Hessen-Thüringen und der GEW Hessen halten wir für einen guten und umfangreichen Katalog an Forderungen, dem das Land Hessen dringend Beachtung schenken muss, so Claus abschließend.
Hintergrund:


Ergebnisse der Umfrage:
Die DGB Hochschulgruppe Frankfurt hat vom 24.04.2020 bis zum 08.05.2020 eine Online Umfrage durchgeführt, um sich ein Bild über die Situation der Studierenden in Corona Zeiten zu machen. An der nicht repräsentativen Umfrage haben 130 Studierende teilgenommen. 65% der Teilnehmer*in-nen studieren in Frankfurt am Main. Die Teilnehmer*innen sind zum Großteil zwischen 21 und 27 Jahre alt.


Über 50% der Teilnehmer*innen finanzieren sich über Lohnarbeit. Über 40 Prozent davon arbeiten zwischen 10 und mehr als 20 Stunden in der Woche. Nur 13% der Befragten erhalten Bafög und 37% sind auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Die Umfrage zeigt, dass Studierende in vielen unterschiedlichen Branchen tätig sind. 27 % der Teilnehmer*innen geben an durch Arbeitneh-mer*innenvertretungen wie bspw. Betriebsräte vertreten zu werden. Nur bei sechs Prozent der Teil-nehmer*innen hat sich in der Corona-Krise finanziell nichts geändert. Über 20% der Teilnehmer*in-nen haben signifikante finanzielle Einbußen und knapp 10% wissen nicht wie sie ihr Studium weiterhin finanzieren können. 36 % der Teilnehmer*innen empfinden die Isolation als sehr belastend und bei über 20% verzögert sich der Abschluss.


Persönliche Kommentare der Teilnehmer*innen zeigen, dass viele Studierende Probleme haben an Online Veranstaltungen teilzunehmen, da ihnen die Hardware oder der Home Office Arbeitsplatz fehlt. Alle, die normalerweise die Unibibliothek und Computerpools der Universitäten nutzen, haben in diesem Semester keine Möglichkeit an den Veranstaltungen teilzunehmen.
Bei den Studierenden herrscht eine große Unsicherheit. Fragen, die sich die Teilnehmer*innen stellen sind unter anderem: „Wo finde ich jetzt einen Job, um mich zu finanzieren?“ „Ich habe meinen Job verloren und weiß nicht, wie ich meine Miete zahlen soll?“ „Wie soll ich weiter studieren, ohne oder [mit] nur begrenztem Zugang zur Bibliothek?“ „Bekomme ich BAföG, wenn ich aufgrund von Corona länger brauche für mein Studium?“ „Woher kann ich mir jetzt Hilfe holen?“


Als Wünsche in der aktuellen Situation haben die Teilnehmer*innen angegeben, dass das Sommersemester 2020 nicht regulär als Semester zählen soll. Sie fordern unbürokratische, schnelle und nicht rückzahlungspflichtige Hilfe für Studierende, die jetzt in finanzielle Not geraten sind. Von den Univer-sitäten wünschen sie sich mehr Informationen, ein größeres Lehrangebot, einheitliche Leistungsan-forderungen und die Universitäten sollen sich für die Interessen und Probleme der Studierenden, auch in Bezug auf Studienfinanzierung, einzusetzen. Die Umfrage zeigt, dass viele nicht wissen, wie sie sich für ihre Interessen einsetzen können. Die Umfrage ist zwar nicht repräsentativ, dennoch zeigt sie, dass Studierende während der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht sind und die Politik keine angemessen Hilfen für sie bereitstellt.


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